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Skandal 6
Reich-Ranickis Rede in voller Länge

SKANDALE
Reich-Ranicki tritt nach – und ruft nach der Kanzlerin

19.10.08 - Marcel Reich-Ranicki greift in einem Interview in der morgen erscheinenden Ausgabe des Politmagazins "Cicero" Elke Heidenreich und ihre Sendung »Lesen!« an. Sie sei nur billige Reklame für Bücher. "Die Methode der Elke Heidenreich gefällt zwar vielen Zuschauern, aber ich kann es nicht ertragen, wenn jemand sagt: Kauft dieses Buch! Nicht morgen, besser heute noch!". Ranicki weiter:"Was wir damals im »Literarischen Quartett« gemacht haben, fand auf einem anderen intellektuellen Niveau statt als die Heidenreich-Sendung".
Ausserdem erneuerte er seine grundsätzliche Kritik am TV-Niveau: "Die Intellektuellen werden vom Fernsehen ignoriert, bagatellisiert, vernachlässigt, deshalb ist das Programm so schlecht." Zudem sei ebenfalls die Fernsehkritik "auf unterstem Niveau" und werde häufig von Hospitanten und Volontären verfasst. Da können nur noch die Politiker helfen, ist Ranickis Meinung und er forderte indirekt Angela Merkel auf, sich zu zu dem Thema zu äußern, auch wenn er weiss, das sie genug Sorgen hat.

SKANDALE
Fall "Reich-Ranicki" und die Qualität im Fernsehen ...
Die wütende Rede von Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki hat kurzzeitig hohe Wellen geschlagen - bis die Öffentlichkeit, wie gewohnt zur Tagesordnung übergeht - Konsequenzen natürlich Fehlanzeige. Hier eine kleine Chronologie der Ereignisse.

11.10.08 -
Bei der Verleihung des 10. Deutschen Fernsehpreises sorgte Reich-Ranicki am Samstag für einen Eklat, indem er nicht nur den Ehrenpreis ablehnte sondern auch auf der Bühne über die zuvor ausgezeichneten Sendungen schimpfte, die er als "Blödsinn" bezeichnete (der Wortlaut siehe oben im Video). "Ich nehme diesen Preis nicht an", erklärte er. "Ich finde es schlimm, was wir uns hier über Stunden hier ansehen mussten". Er gehöre nicht hier her, machte der 88-Jährige deutlich. Thomas Gottschalk, der zuvor auch die Laudatio auf Reich-Ranickis Lebenswerk gehalten hatte, war vom Auftritt des Kritikers ebenso überrascht: "Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Mir wurde nur gesagt, dass er sich ärgert. Wir haben seine Ehrung vorgezogen, damit er nicht noch geht", sagte Gottschalk gegenüber "Spiegel Online". Er übergab den Preis an die TV-Produzentin Katharina Trebitsch, die Reich-Ranickis Leben verfilmt.

12.10.08 - Die Verantortlichen entschieden, den Auftritt nicht aus der Aufzeichnung die für Sonntag angesetzt war, zu streichen und die Gala soll auszustrahlen, wie es sich chronologisch zutrug.
Ursprünglich war geplant, Reich-Ranickis mittendrin aufgezeichneter Auftritt ersta am Ende der Show zu zeigen.

13.10.08 - Nachdem Gottschalk den Literaturkritiker eine gemeinsame Sendung anbot, in der über die Qualität des deutschen Fernsehprogramms diskutiert werden könne, ging das ZDF nun auf diesen Plan ein. Gottschalk soll die Sendung selbst moderieren. "Wir setzen uns gemeinsam eine Stunde im Fernsehen hin. Wir stellen diesen Preis in die Ecke und reden über alles das, worüber man im Fernsehen nicht mehr redet: über Bildung, über Lesen über Erziehung...", beschwichtigte Thomas Gottschalk Ranicki noch während der Gala.

13.10.08 - Gottschalk äußerte Verständnis für die Entscheidung Reich-Ranickis: "Wenn er eine halbe Stunde lang eine wild gewordene Horde Teenager sieht, Atze Schröder in einer weißen Paradeuniform, Richterin Salesch und zwei Köche mit idiotischen Texten erleben muss, ist es für ihn in der Tat konsequent zu entscheiden: Ich habe hier nichts verloren", erklärte Gottschalk gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Als er von Reich-Ranickis Unruhe im Publikum erfahren habe, habe er "sofort entschieden, wir stellen um." Gottschalk: "Wäre der Ehrenpreisträger stiften gegangen, hätten wir einen echten Skandal gehabt. Dass Reich-Ranicki es aber ablehnen würde, den Ehrenpreis anzunehmen, damit hatte ich allerdings keine Sekunde gerechnet."
Gottschalk glt nun als Gewinner des Abends, aufgrund seiner Entscheidung, Reich-Ranicki in einer Sendung über das Fernsehen diskutieren zu lassen.

14.10.08 - Schon für den darauffolgenden Freitag für 22.30 Uhr wurde die Diskussions-Sendung über die Qualität des Fernsehens nun geplant. Titel der kurzfristig angesetzten Show: »Aus gegebenem Anlass«. Das ZDF löste damit Gottschalks Versprechen ein.

18.10.08 - Nun meldete sich RTL-Chef Gerhard Zeiler zu Wort. Er verteidigte eine Entscheidung der deutschen Senderbosse. "Ich sehe überhaupt gar keinen Grund, mit Reich-Ranicki über das Fernsehen zu diskutieren", sagte Zeiler. "Ich streite mit jedem gern über die Qualität des Programms, wenn er es zumindest sieht." Reich-Ranickis Kritik sei "einfach nicht relevant", führt Zeiler an. Usprünglich wollte Gottschalk mit den Senderchefs zusammen diskutieren, musste dies aber schließlich allein tun. Zeiler kritisierte überdies die Entscheidung, Reich-Ranicki mit dem Preis auszuzeichnen: "Die Frage ist, warum man unbedingt einem Literaturkritiker, und sei er noch so renommiert, einen Fernsehpreis verleiht. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals Buchpreise an Fernsehstars vergeben wurden." Dass WDR-Intendantin Monika Piel nach dem Eklat erklärt hatte, sie hoffe nun auf eine "Qualitätsdebatte über das kommerzielle Fernsehen", verwundert Zeiler: "Ich hatte geglaubt, die Zeit ist vorbei, wo man gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigt.

19.12.08 - Das Gespräch zwischen Reich-Ranicki und Gottschalk wurde mittwochs im Wiesbadener Kurhaus aufgezeichnet und zwei Tage später im ZDF um 22.30 Uhr gesendet. Nein, er habe nichts zu bereuen, bekräftigte Marcel Reich-Ranicki zu Beginn noch einmal seinen Auftritt. Die Verleihung sei "abscheulich, scheußlich" gewesen, meinte er. "Ich hörte mir diese ganze Feier an und war entsetzt. Es wurden da kleine Fernsehausschnitte geboten mit irgendwelchen Clowns, irgendwelchem Unsinn, Blödsinn, Dreck, komplettem Dreck", sagte Reich-Ranicki laut "Bild"-Zeitung. "Sowas wird in Deutschland gesendet jeden Tag. Die Fernsehdirektoren sagen, dass Publikum wünscht es, als wäre das Publikum eine Ansammlung von Idioten." Gottschalk verteidigte brav die Position der Sender: "Die Intendanten von ARD und ZDF würden vielleicht sogar das Fernsehen machen, das du forderst. Aber sie machen es nicht, weil sie wissen, dass ihr dann unter euch wärt." Er selbst mache Fernsehen "für die Masse. Dafür werde ich vom Feuilleton in die Tonne getreten und von den Klofrauen geliebt. Kein Wunder, dass ich mich fast nur auf Toiletten aufhalte", liess Gottschalk wissen. Reich-Ranicki selbst hielt an seiner Pauschal-Kritk am deutschen Fernsehen fest. Schon Schiller habe für das Theater und die Kultur keine andere Aufgabe gesehen, als Unterhaltung zu liefern und Spaß zu geben, so der Kritiker. Auch Unterhaltungsprogramme im Fernsehen müssten Niveau haben. Shakespeare, für Reich-Ranicki der größte Dichter, habe solche Unterhaltung geboten, dessen Stücke müssten verfilmt werden. Oder Bertolt Brecht, laut Reich-Ranicki "der größte Poet", der wäre der Richtige fürs Fernsehen.

19.12.08 - Das halbstündige Gespräch wurde von über 3,51 Millionen Zuschauer verfolgt. Das ZDF löste zwar grundsätzlich sein Versprechen ein, allerdings nicht wie von Gottschalk angekündigt Sonntag und auch keine volle Stunde sondern nur heruntergkürzte 30 Minuten. Und die ARD hat sich auch nicht nicht beteiligen wollen. Mit den Quoten kann man in Mainz zwar zufrieden sein. Auch bei den 14- bis 49-Jährigen stieß man unerwartet auf Interesse: 1,04 Mio. waren dabei. Dass die so angemahnte Kultur allerdings so hoch gar nicht im Kurs steht, wurde wieder klar, als danach - statt die nachgfolgende »aspekte«-Sendung zu verfolgen - doch lieber weggezappt wurde: Von 9.9 % ging es in der Zielgruppe rapide herab auf 5,7 %. Und 2 Mio. Gesamtzuschauer wollten auch lieber etwas anderes sehen - vielleicht gingen sie auch ins Bettchen.

Statement
Am Ende der 30 Minuten stand natürlich - wie geahnt - fest: Beide "Seitenvertreter" sind die nicht die Richtigen, um dieses Thema wirkungsvoll zu diskutieren. Sie redeten nicht nur aneinander vorbei, sondern boten auch keine sinnvollen Lösungsansätze. Gottschalk spielte nur den Anwalt der Sender, Reich-Ranickis Forderungen sind nicht sendegerecht. Besser wäre, er würde gleich fordern: lasst den Fernseher aus und schnappt euch ein Buch. Niveau ins Fernsehen zu bringen muss anders aussehen, als er meint - obwohl er natürlich im Grundansatz recht hat.
Gottschalk brachte mit einer Bemerkung ein Hauptproblem auf den als er die Abwesenheit der Senderverantwortlichen der Privaten erklärte: "Wenn wir die Kollegen von RTL und Sat.1 eingeladen hätten, das ist ungefähr so, wie wenn man einen Metzger von der vernünftigen vegetarischen Ernährung überzeugen wollte". Reich-Ranicki sieht es aber sowieso lieber pauschal und schwarzweiss und gibt ein bisschen den Blindne, der von der Sonne redet. Mit einer Aussage hat er allerdings recht: "Die ganzen Leute, diese Intendanten, Programmdirektoren, Abteilungsleiter, die müssen Angst haben, wenn die keine Angst haben, werden die Dreck machen." Reich-Ranickis Plan: "Man kann eine Komödie von Shakespeare so machen, dass die Gebildeten glücklich sind und die primitiven Menschen es sehr wohl verstehen und genießen." Mit der gefährlichen Zementierung einer Zwei-Klassen-Zuschauerschaft kommt man allerdings nicht weiter.

Nur ein pflichtschuldiger Rumpf ist also von den hochfliegenden Plänen übrig geblieben von einer großen Qualitätsdebatte über das deutsche Fernsehen und weitere Themen, die nur dann relevant werden würden, wenn die Sender etwas mehr Mut zur Diskussion bewiesen hätten. Stattdessen wollte man das Thema so schnell wie möglich lieber abhaken und sich billig aus der Affäre stehlen. Die Zuschauer werden es den Sendern auch leicht machen - sie vergessen so schnell. Sicher ist der Hochkultur-Buch-Mann Reich- Ranicki nicht der richtige Gesprächspartner - aber er hätte eine fruchtbare Diskussion lostreten können, wenn man dies nur gewollt hätte. Aber dann müssten die Sender am Schluss noch Konsequenzen zeigen - wie ärgerlich und störend.
Die privaten, bei den jungen quotenstarken Sender kratzt die ganze Diskussion sowieso kaum - sie ziehen - immer die Quote im Blick und damit die eigene Wirtschaftlichkeit - das Niveau lieber weiter nach unten. Der Zuschauer will es ja ... Dabei schämt man sich in den stillen Kämmerlein der Senderverantwortlichen ganz sicher für das eigene Tun.
Ein Gutes hatte das Ganze wenigstens: an einem Abend, an dem die Branche sich wieder einmal tüchtig selbst feiern wollte, für etwas, wofür eigentlich keine Feierlaune aufkommen dürfte, da verdarb ein couragierter alter Mann zu Recht einmal ordentlich die Stimmung - auch wenn es am Ende nichts nützen wird.
Eine Ausnahme wird es vielleicht in der WDR-Intendantin Monika Piel geben. Sie will sich nach eigenen Angaben verstärkt darum kümmern, dass Kultur und Anspruch wieder den Weg ins Hauptabendprogramm finden. Mal sehen ...

Bitterer Nachgeschmack
21.10.08 - Reich-Ranicki hat seine medienwirksame Fernsehschelte mit einer Anzeige der Telekom zu Geld gemacht. Die bestätigt: Es ist Honorar geflossen. Reich-Ranicki gibt sich überrumpelt: "Ich habe gar nicht gewusst, um was es geht, die haben es ein bisschen undeutlich gesagt. Das war eine einmalige Sache als Ergebnis eine Missverständnisses", erklärte er im Rundfunkprogramm Bayern3.
In der Anzeige für die Telekom-Tochter T-Home ist Reich-Ranicki mit erhobenem Zeigefinger am Rednerpult zu sehen. Daneben steht: "Bei uns findet jeder ein Fernsehprogramm, das ihm gefällt." Die Anzeige erschien in mehreren Zeitungen.
Telekom-Pressesprecher Frank Domagala erklärte gegenüber der "Süddeutschen Zeitung", dass sich der Literaturkritiker zuvor vertraglich mit T-Home auf die Anzeige geeinigt habe: "Ja, dafür hat er Geld bekommen. Die Idee zur Anzeige ist spontan entstanden. Wir haben die öffentliche Diskussion nach der Rede beim Deutschen Fernsehpreis aufgegriffen, einen Entwurf gemacht und Reich-Ranicki gefragt, ob er mitmacht - glücklicherweise hat er relativ schnell zugesagt."
Von einer anderen Werbeaktion will Reich-Ranicki nichts gewusst haben: Am Montag druckte die "Hamburger Morgenpost" eine Anzeige des Billigfliegers Ryanair mit einem ähnlichen Bildausschnitt, einem Hinweis auf die günstigen Flugpreise und dem Text: "Diesen Preis nehme ich an." Als "großen Quatsch" bezeichnete Reich-Ranicki diese Anzeige.

Auch an anderer Stelle fühlt er sich nun plötzlich unverstanden: Seine Ablehnungsrede, sei nur als Kritik an der Fernsehgala gemeint gewesen, nicht an dem Fernsehprogramm im Allgemeinen. Die Gala selbst bezeichnete Reich-Ranicki wiederholt als "falsch, schlecht und übel".