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Skandal 7
SKANDALE
Fall: "Elke Heidenreich" und das Trittbrettfahren ...
Die Moderatorin, Kritikerin und Schriftstellerin Elke Heidenreich hängte sich zügig an die Diskussion um die TV-Qualität und fand dabei harte und sehr deutliche Worte. Dies bedeutete für sie persönliche Konsequenzen.

Update 8.11.08: siehe unten



12.10.08 - Nachdem Reich-Ranicki für einen Eklat gesorgt hatte meldete sich auch Elke Heidenreich in einem Artikel der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zu Wort. "Wieso darf ein Simpel namens Atze Schröder da vorn seine Possen reißen? Wieso wird eine unterirdische Sendung wie »Deutschland sucht den Superstar« zur Besten Unterhaltungssendung gekürt und gibt den Machern die Möglichkeit, frech zu sagen: Da seht ihr es, ihr intellektuellen Schreiberlinge, man liebt uns, und wir machen weiter?", steht darin zu lesen. "Man wolle "Hollywood sein und ist eben doch Köln-Ossendorf", so Heidenreich weiter. Sie habe sich "nur noch geschämt" und wohl bereits geahnt, was in Marcel Reich-Ranicki während der Aufzeichnung vorging. "Wo waren die Programmdirektoren und Intendanten in diesem Augenblick, warum kam keiner von ihnen auf die Bühne, um etwas zu sagen? Weil es verknöcherte Bürokarrieristen sind, die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso." Eine Alternative zum Fernsehpreis hat sie indes auch: "Fahrt bitte einmal im Mai nach Hamburg zum "Henri Nannen Preis" und lernt, wie die das machen – ein unterhaltender Abend für intelligente Menschen. Es ist möglich. Aber eben nicht bei ZDF, ARD, Sat 1 und RTL. Und schon gar nicht mit Thomas Gottschalk." Heidenreich, die eigentlich die Laudatio für Reich-Ranicki anstelle von Gottschalk halten wollte, aber - wie sie schreibt - nicht durfte, schäme sich, "in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten." Und wird in ihrem FAZ-Artikel sogar noch deutlicher, spricht gar von "hirnloser Scheiße". Heidenreich: "Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde. Ich schäme mich, ich entschuldige mich stellvertretend für alle Leidenden an diesen Zuständen, und derer sind auch in diesen verlotterten Sendern noch viele, bei Marcel Reich-Ranicki für diesen unwürdigen Abend."

16.10.08 - Das Maß der Kritik sei überschritten worden, äußerste sich ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut über die Ausführungen Heidenreichs in der FAZ.
Ob ihre ZDF-Buchkritik-Sendung »Lesen!« unter diesen Umständen fortgesetzt werden kann, lässt er gegenüber der Süddeutschen Zeitung noch offen.
"Kritik halte ich für völlig normal. Es kommt auf das Maß an. Das Maß wurde hier allerdings weit überschritten", so Bellut. "Selbstverständlich kann ich nicht zulassen, dass ein Kollege wie Thomas Gottschalk so unfair attackiert wird, zumal die Attacke ungerecht und ungerechtfertigt war."

18.10.08 - ZDF-Intendant Markus Schächter hat in einem Brief an Heidenreich zum Ausdruck gebracht, dass sein Unverständnis über die Aggressivität, in der Heidenreich die Kritik vorgetragen habe, andauere. Das Vertrauen habe Schaden genommen, so Schächter. Beim ZDF herrsche "die Auffassung, dass diejenige, die sich für das ZDF schämt, nicht gezwungen werden sollte, für dieses weiter zu arbeiten – erst recht nicht als privilegierte, exponierte Moderatorin einer Büchersendung. Bitte erwarten Sie von mir nicht, dass ich versuchen werde, Sie umzustimmen." Heidenreich selbst hat damit wohl kein Problem. "Ich würde sehr gerne für das ZDF weiterarbeiten. Das ändert aber nichts daran, dass ich weiterhin das Programm kritisieren können will", sagte sie gegenüber der FAZ und stellt die Bedingung: "Wenn ich keinen besseren Sendetermin bekomme, dann höre ich auf." Sie legt noch nach: "Sie hungern uns aus, und das seit lange vor dem Eklat und es hat nichts mit dem jetzigen Ausbruch zu tun", schreibt sie nun mit Blick auf die schlechten Sendeplätze für Kulturformate im Fernsehen. "Aber nun legt mir natürlich der gekränkte Intendant des ZDF nahe, nach meiner Kritik am Sender doch besser aufzuhören. Ich denke gar nicht dran. Ich habe das Selbstbewusstsein, diese Sendung wichtig zu finden, eine Woche auf der Buchmesse hat mich darin bestätigt". Verärgert nimmt sie zur Kenntnis, dass das ZDF ihre Sendung auch weiterhin am Freitagabend ausstrahlen will. "Seit einem Jahr bitte ich darum, das Versprechen einzulösen oder, noch besser, einen anderen, früheren Termin zu finden. Bis zum Jahresende 2008 sollte das erledigt sein. Es ist nichts geschehen, immer heißt es nur 'wir arbeiten dran'." Weiterhin bestätigt Heidenreich, dass Thomas Gottschalk als Gast ihrer womöglich letzten Ausgabe im Dezember abgesagt habe. Ohnehin sei er - "im Grunde gegen meinen Willen", wie sie schreibt - eingeladen worden.

20.10.08 - Einem "Handelsblatt"-Bericht zufolge sollte es nun nur noch weniger um die eventuelle Weiterführung der Büchersendung «Lesen! gehen, als um die Art der Abwicklung und Heidenreichs Abgang. "Von mir aus schmeißt mich doch raus", schrieb sie in der "FAZ". Dieser Wunsch schien sich nun zu erfüllen.

22.10.08 - Marcel Reich-Ranicki stellte sich schützend vor seinen neuen Freund Thomas Gottschalk und hat Elke Heidenreich scharf kritisiert: Es sei "eine Unverschämtheit", wie sie nach dem Eklat beim Deutschen Fernsehpreis mit "Thomas" umgegangen sei, ist in der Illustrierten "Bunte" zu lesen. "Thomas als dumm hinzustellen, ist eine Unverschämtheit", Elke hat sich miserabel benommen. Sie hat noch intrigiert. Sie wollte, dass man Thomas meine Laudatio wegnimmt, um sie selbst zu halten", fügt er hinzu.
"Es gehört zu meinem Job, dass mich jeder ungestraft einen Idioten nennen darf. Dafür bezahlt mich das ZDF anständig", sagt Gottschalk freimütig. "Aber einen Menschen, den man für dumm hält, in die eigene Literatursendung einzuladen, ist auch nicht gerade ein Zeichen großer Weisheit. Und da ich helfe, wo ich kann, bleibe ich halt zu Hause." Damit erklärt er seine Absage. Heidenreich kontert, sie habe Gottschalk eingeladen, um "dem ZDF eine Freude zu machen". Sie legte mit ihrer Kritik an Gottschalk nach: Sie finde ihn persönlich einen netten Kerl. "Und er war mal gut. Er war natürlich, witzig und schnell. Aber ich finde nicht, dass er nach all diesen Jahren noch ein guter Moderator ist. Er ist ein müder alter Mann."
Der 58-Jährige gbit zurück: "Wenn sie sich Sorgen macht, ich sei zu alt für meinen Job, soll sie mal in ihrem Literaturlexikon nachgucken. Goethe hat in meinem Alter beruflich und privat noch voll auf den Putz gehauen. Marcel Reich-Ranicki ist 30 Jahre älter als ich, und man hat ja gesehen, wie der noch ausrasten kann."

23.10.08 - Die Zusammenarbeit von Elke Heidenreich und dem ZDF wurde für beendet erklärt. Programmdirektor Thomas Bellut erklärte, dass Elke Heidenreich mit ihrem Artikel die "Ebene einer sachlichen Auseinandersetzung verlassen" habe. Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Dem Sender und ihr sei dadurch nachhaltig zerstört, so dass eine gedeihliche und sinnvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich sei.

24.10.08 - In einem "Spiegel"-Interview rechnete Gottschalk mit Elke Heidenreich ab und findet auch für Marcel Reich-Ranicki wieder kritische Worte. "Dass eine so kluge Frau aus der Hochkulturabteilung sich zu so einem polternden Ausbruch gekränkter Eitelkeit hinreißen ließ, nur weil nicht sie die Laudatio auf Reich-Ranicki halten durfte, wirkte auf mich höchst krampflösend", so Gottschalk. "Ihre Attacke tut mir deshalb überhaupt nicht weh, auch wenn mich das Gekeife in dieser Schrillheit dann doch überrascht hat." Heidenreich habe "sich verhalten wie eine beleidigte Leberwurst". Generell beobachtet der "Wetten, dass ...?"-Moderator, dass "sich intellektuelle Elite und Bildungs-Prekariat in Deutschland zusehends auseinanderentwickeln. Beide Seiten wollen immer weniger miteinander zu tun haben". Er selbst suche in der Mitte den Ausgleich, mache "mitunter albernes, aber schmerzfreies Unterhaltungsfernsehen". Gottschalk: "Ich nenne es Überheblichkeit, wenn mir und den Leuten so was madig gemacht wird." Ihn ärgere "die generalistische Ablehnung derer, die sich für so was für zu intelligent halten. Die sollen ihren Schopenhauer lesen und mich in Ruhe lassen!"
Dem Literaturkritiker Reich-Ranicki wirft er vor, dass er "nicht zur Galionsfigur im Kampf um mehr Niveau im Fernsehen taugt". Jemand wie er dürfe den Fernsehmachern jederzeit die Leviten lesen, die Totalablehnung sei allerdings überzogen gewesen. Früher habe Reich-Ranicki "widerspruchslos einen Bambi-Preis und eine Goldene Kamera angenommen". Auch er gehöre "zum deutschen TV-Establishment" - wenngleich Gottschalk "völlig verstehen konnte", dass "etliche Programmteile" des Fernsehpreis- Abends den 88-Jährigen "irritieren bis entsetzen mussten".

26.10.08 - Literaturkritiker Hellmuth Karasek, jahrelang an der Seite von Reich-Ranicki Mitglied im «Literarischen Quartett», erwartet gegenüber dem "Spiegel" keinen Protest des Publikums nach der Absetzung von Elke Heidenreich beim ZDF. "Das Publikum interessiert so etwas viel weniger, als es sich die TV-Helden von ihren Fans versprechen. Das Geschrei ist ebenso schnell vergessen wie die Show", meint Karasek. Über den Abgang von Heidenreich sagte er: "Sie wollte in den Spuren des Eklats von Reich-Ranicki selbst einen Eklat produzieren, um zu zeigen, wie schlecht man sie beim ZDF behandelt. Leider ist in den Tagen danach ein Amoklauf daraus geworden. Was sie etwa über Thomas Gottschalk gesagt hat, war höchst furienhaft." Auf einen möglichen Nachfolger angesprochen, findet er, es "möge Gott verhüten", dass es Roger Willemsen wird.

28.10.08 - Von der angeblichen Aussöhnung Heidenreichs und Gottschalks wollte die Illustrierte "Bunte" aus dem ZDF erfahren haben. Der Mainzer Sender bstätigte dies nicht. Gottschalk hat dem Blatt zufolge zu Heidenreich Kontakt aufgenommen.
"Es ist richtig, dass ich ihr eine persönliche E-Mail geschrieben habe, auf die sie sofort ausführlich geantwortet hat", zitierte die "Bunte" den Moderator. Einzelheiten wollte er nicht nennen: "Unser Briefwechsel befindet sich auf hohem literarischem Niveau, ist aber privat und wird es bleiben", wird Gottschalk zitiert. Die Illustrierte zitiert ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut mit der Ankündigung, bei der Suche nach dem Nachfolger Heidenreichs werde man sich von Marcel Reich-Ranicki beraten lassen. "Von seinem Rat für eine geeignete Persönlichkeit versprechen wir uns, dass die neue ZDF-Literatursendung Substanz hat. Und vielleicht macht er jährlich ein, zwei Sendungen für uns - fit, wie er ist", soll Bellut gesagt haben. Als Nachfolger für Heidenreich sind nach Informationen des Blatts drei Männer im Gespräch: der ARD-Bücherexperte Denis Scheck, Harald Schmidt und Hape Kerkeling.

Update
8.11.08 - Elke Heidenreich behauptet nun, einen neuen Sender für ihre Literatur-Sendung »Lesen!« gefunden zu haben. Gegenüber der österreichischen Zeitung "Horizont" verkündete sie nun, bereits einen neuen Sender für ihr Format gefunden zu haben. "Ich konnte mich nach dem Rauswurf vor Angeboten gar nicht retten und habe mir das Beste rausgesucht", ist dort zu lesen. Heidenreich nutzte auch die Gelegenheit noch einmal Klartext über die beiden großen deutschen öffentlichen-rechtlichen Sender zu sprechen: "Ich habe das Gefühl, das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist ein Auslaufmodell. Da sitzen diese verkrusteten Kerle, die ich angegriffen habe, und bewegen ihre Hintern nicht". Am 28. November wird es eine Pressekonferenz geben, auf der sie ihren neuen Arbeitgeber vorstellen will. So lange dauert das große Geheimnis noch an.